Wien und der Tod

Der Tod muss ein Wiener sein, lautet eine bekannte Redewendung. Aber auch für lebendige Wienbesucher gilt: Der Kult rund um prunkvolle Bestattung, legendäre Friedhöfe und schaurige Grüfte mag skurril anmuten. Vor Langeweile sterben wird man aber auf keinen Fall.

Grabreihe auf dem Wiener Zentralfriedhof © Österreich Werbung/Nehring
Grabreihe auf dem Wiener Zentralfriedhof

Elf Jahre lang hatte man die Möglichkeit dazu: per Tramway auf den Friedhof zu fahren. Das bedeutete in der Zwischenkriegszeit von 1918 bis 1928 ein spezielles Service der Wiener Verkehrsbetriebe: nämlich die Leichen-Tramway. Die schwarz lackierte Garnitur hatte ein Täfelchen mit der Aufschrift „Sonderfahrt“ umgehängt. Langsam glitt die Tram zur letzten Reise mit bis zu zwölf Toten dahin – bis zur Endstation Zentralfriedhof.

Berühmte Wiener Friedhöfe
Der berühmteste der Wiener Friedhöfe ist der Zentralfriedhof oder „ Zenträu“, wie es mit rauer Melancholie gebellt wird. Ganz im Osten Wiens breitet sich das legendäre Gräberfeld aus. Allein die Größe gebietet Respekt: 2,5 Millionen Quadratmeter Fläche, 330.000 Grabstellen, über drei Millionen Tote. Die Friedhofskirche zum Heiligen Karl Borromäus, ist, neben Otto Wagners Kirche am Steinhof, die bedeutendste Kirche im Wiener Jugendstil. Die für damalige Zeiten moderne Kirche fügt sich bestens in die gar nicht so lange Geschichte des Zentralfriedhofs ein. Denn um einen historisch gewachsenen Friedhof handelt es sich dabei nicht. Eher schon um eine Parklandschaft mit beeindruckender Flora, die zu besinnlichen Spaziergängen einlädt und einst ein politisches Statement war. Immerhin hatten die Gartenarchitekten Karl Jonas Mylius und Alfred Friedrich Bluntschli den Zentralfriedhof 1870 als letzte Ruhestätte für Menschen aller Konfessionen entworfen, was heftige Diskussionen auslöste.

Sieben Mal wurde der Friedhof seither erweitert. Wer sich mit dem Friedhofsführer zur Erkundung aufmacht, erlebt Wiener Kulturgeschichte im Zeitraffer. Falcos gläsernes Grab, Ludwig van Beethoven und Gustav Klimt – wie ein „Who was who“ fällt der Spaziergang durch die Gruppen der rund tausend Ehrengräber aus. Zuvor kann man in der Präsidentengruft nahe der Jugendstilkirche die letzte Ruhestätte aller österreichischen Bundespräsidenten seit 1945 besuchen.

Um bizarre Orte handelt es sich dabei schon: Der für angetriebene Flussleichen reservierte Friedhof der Namenlosen am Alberner Donauhafen oder der am Kahlenberg gelegene Josefsdorfer Waldfriedhof, der neben stattlichen Biedermeiergräbern und der unmittelbaren Nähe zu diversen Heurigen vor allem auch mit herrlichen Ausblicken auf Wien aufwarten kann. Die Wiener selbst verteilen laut einer Umfrage zur „Friedhofs-Zufriedenheit“ wiederum Höchstnoten an den kleinen Hernalser Friedhof.

Totenkult in Grüfte und Katakomben
Von Totenkult erzählen auch die Grüfte und Katakomben, die sich über die Wiener Innenstadt verteilen. Die Katakomben unter dem Wiener Stephansdom, der auf einem mittelalterlichen Friedhof errichtet wurde, sind Teil dieser Spurensuche. Ebenso wie die prachtvoll-überladenen Marmorbüsten, Steinkronen und Sargplatten der berühmten Kapuzinergruft, in der seit 1633 die Gebeine der Habsburger – darunter zwölf Kaiser und neunzehn Kaiserinnen – ruhen.

Wien hat noch mehr Schauriges auf Lager. Da wären die mumifizierten Leichen und Schädelpyramiden der fahl beleuchteten Gewölbe der Michaelergruft, wo die rund 600 Jahre alten Gebeine durch spaltbreit geöffnete Sargdeckel schimmern. Spätestens seit Andy Warhol gemeinsam mit André Heller dem Kellerlabyrinth der Michaelergruft 1979 einen Besuch abstattete, hat sich der Ort zu einer Attraktion entwickelt.

Das Wiener Bestattungsmuseum

Die Exponate des Wiener Bestattungsmuseums im 4. Wiener Gemeindebezirk sprechen für sich: Heinrich Laruelle bot  ab 1854 einen besonderen Dienst an und fotografierte im Atelier angekleidete Leichen hinter dem Schreibtisch oder bei der Hausarbeit. Zusätzlich gab es die Hochblüte der Trauerzüge, die von der „Enterprise des Pompes Funébres“, dem ersten privaten Bestattungsunternehmen Wiens, ab 1867 angeboten wurden, woraus sich eine regelrechte Konkurrenz um eine möglichst „scheene Leich“ entwickelte, jenes prunkvolle Begräbnis, das für die Bürgerschicht ab 1850 von höchster Priorität war. Farb-Codes für Sargtücher belegen das: Schwarz für normale Gläubige, Blitzblau für Kinder, Rot für Aristokraten, während Unverheiratete von weißen Pferden gezogen wurden.

In Wien hatte man anno dazumal aber ganz andere Sorgen: Der Urangst, lebendig begraben zu werden, wurde am Währinger Ortsfriedhof  mit einem 48-Stunden-Aufenthaltsraum begegnet – beheizt, um etwaigen Scheintoten eine Verkühlung zu ersparen. Zusätzlich wurde der so genannte „Rettungswecker“ eingeführt: eine Schnur, die den Finger des mutmaßlichen Toten mit einem Wecker verband. Bewegte sich der vermeintlich Tote, schrillte der Wecker im Zimmer des Friedhofswärters. Das war durchaus häufig der Fall, verursachten doch allein schon die Gase der Körpergärung jede Menge Bewegung. So sorgte die einzigartige Wiener Bestattungskultur für ein weiteres Novum: nämlich für Klingelzeichen aus dem Jenseits!

Friedhöfe Wien
Ehrengräber auf den Wiener Friedhöfen

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