Über die Architektur von Friedensreich Hundertwasser stolpert man in doppelter Hinsicht. Einmal, weil die Fassaden unübersehbar auffällig sind: bunt, verspielt, unregelmäßig und in ihrem Stil absolut unverwechselbar. Sie sind ein überbordender, unübersehbarer Farbfleck im Stadtbild, aber auch die üppige Dachbewaldung und Baummieter prägen sich sofort ins Gedächtnis ein.
In den Gebäuden selbst, manchmal schon davor, stolpert man dann fast ein zweites Mal: über den Boden, der sich willkürlich wellt und wölbt und dadurch den Besucher überrascht und Aufmerksamkeit einfordert. Genau das ist eine der Absichten dieser „natur- und menschengerechteren“ Bauweise. Die gewohnten, kaum noch bemerkten rechten Winkel fehlen, denn nach Ansicht Hundertwassers versklavt solche „sterile, rationale Rasterarchitektur“ mit ihren geometrisch geraden Linien den Menschen mit ihrer „tödlichen Eintönigkeit“.
Der exzentrische Künstler formulierte ein Konvolut an Manifesten, Essays oder Reden, bezieht sich im „Architekturboykott“-Manifest auf Adolf Loos’ Manifest von „Ornament und Verbrechen“, tritt für die individuelle Freiheit der Menschen bei der Gestaltung ihrer Häuser ein und vieles mehr. Für das Anrecht auf die dritte Haut des Menschen (die Architektur) hat er in München 1967 wie 1968 nackt demonstriert.
Friedrich Stowasser, so sein katholischer Taufname, durchtaucht die Nazidiktatur trotz seiner jüdischen Mutter in Wien und ist sogar in der Hitlerjugend. Die Wiener Akademie der Bildenden Künste bricht er nach drei Monaten ab, auf der Pariser Ecole des Beaux Arts hält er es kaum einen Tag aus. Stattdessen inspiriert er sich auf ausgedehnten, teils abenteuerlichen Reisen durch die ganze Welt, auf denen er ständig malt und Theorien entwickelt. 1962 bringt seine Retrospektive auf der Biennale in Venedig den großen, internationalen Durchbruch. Fortan reist, arbeitet, wohnt und schreibt er quer über den Globus und tritt in seinen Reden, aber auch mit Posteraktionen, lautstark für Ökologie und Menschenrechte ein.
Seine Ausstellungen sind große Erfolge, seine Malerei gilt als singulär. In seinem unverkennbaren Stil gestaltet er Schiffe, Häuser, Briefmarken, Münzen, eine Bibel, ein Lexikon, Müllverbrennungsanlagen und vieles mehr. Obwohl gerade die Architektur des Weltbürgers auch scharf kritisiert wird, ist sie besonders in Österreich längst zum Publikumsmagnet, ja zu einem Wahrzeichen geworden.
Hundertwasser Sehenswürdigkeiten in Wien:
Hundertwasserhaus in Wien, 1983-1986, Kegelgasse 36-38
KunstHausWien, 1989-1991, Untere Weißgerberstraße 13, mit Dauerausstellung seiner Werke
Ausflugsschiff MS Vindobona,1995-1996
Müllverbrennungsanlage Spittelau, 1988-1992
Pavillon bei der DDSG Blue Danube Ponton Wien, 1992-1994
Kalke-Village, Wien,1990-1991
Hundertwasser Sehenswürdigkeiten in den Bundesländern:
Mierka Getreidesilo Krems, 1982-1983
Rupertinum Salzburg, 1980-1987
St.-Barbara-Kirche Bärnbach, 1987-1988
Dorfmuseum Roiten, 1987-1988
Textilfabrik Rueff und Hausnummern in Muntlix, 1988
Autobahnraststätte Bad Fischau, 1989-1990
Brunnenanlage Zwettl, 1992–1994
Spiralfluss Trinkbrunnen I Linz, 1993–1994
Krankenstation (Onkologie) Graz, 1993–1994 (nicht öffentlich zugänglich)
Thermendorf Blumau – Das Hügelwälderland Rogner Bad Blumau, 1993–1997
Österreichbrunnen in Zell am See, 1996-2003

Geb.: 13. Juli 1841 in Wien
Gest.: 11. April 1918 in Wien
"Es kann daher nicht befremden zu hören, dass in der Baukunst der höchste Ausdruck menschlichen, an das Göttliche streifenden Könnens erblickt wird."
