Für die Tomaten - wie auch für Besucher und Reisende - ist das Klima am Neusiedlersee ideal. An 300 Tagen im Jahr scheint hier die Sonne.
Anbaugebiet NeusiedlerseeAußerdem, so Stekovics, „weht an 360 Tagen Wind". Der Neusiedlersee, der
größte Steppensee Mitteleuropas, liegt zum Teil in Österreich und zum Teil in Ungarn und bildet einen einmaligen Naturraum: Mosaikartig liegen hier großflächige Feuchtgebiete, Trockenrasen, Eichenwälder, Sandsteppen, Weideflächen und Salzstandorte nebeneinander.
Am Ostufer des Sees setzt Erich Stekovics seine Pflanzen unter freiem Himmel aus und überlässt sie ganz dem Lauf der Natur. Er gießt die Pflanzen niemals, lässt sie nach Lust und Laune vor sich hin wuchern, ohne je auszugeizen (= die kleinen Mitteltriebe entfernen) und bindet sie nicht hoch. Obwohl dies alles scheinbar untypisch für die Tomatenzucht ist, erzielt er mit seiner ungewöhnlichen Anbaumethode unglaubliche Erfolge. Die Ernte fällt reicher aus - und die großen Temperaturschwankungen, der ständige Wind und der Verzicht auf Bewässerung bringen die Aromen in besonderer Weise zur Entfaltung.
Traditionelle KonservierungstechnikenUnd beim Geschmack kennt Erich Stekovics keine Kompromisse. Daher erntet er die Tomaten auch erst zum Zeitpunkt der Vollreife. Was bedeutet, dass die Paradeiser nicht weit transportiert und im normalen Handel verkauft werden können. Die Raritäten kann man nur in Hauben-Lokalen der Umgebung, wie dem "
Taubenkobel", genießen - oder weiterverarbeitet im Hofladen und vielen Feinkost-Geschäften erstehen. Stekovics benutzt die traditionellen Konservierungstechniken seiner Heimat und bannt die Aromen selbst ins Glas: Die Tomaten werden eingelegt, zu Sugo oder süßem Tomatensaft verarbeitet und als besonderes Highlight in Konfitüren und Chutneys verwandelt. Für die Fleischparadeiser-Konfitüre etwa werden 120 Sorten Fleischtomaten zusammen eingekocht.
Chilis und scharfe Marmeladen
Seit neuestem züchtet der Tomaten-Spezialist auch
Chilis aus aller Welt. Und auch hier gilt für ihn: Chilis sind nicht einfach Chilis, genauso wenig wie Tomaten einfach Tomaten sind. Erich Stekovics macht Gemüse sozusagen zum kulturellen Erlebnis. Und animiert damit immer mehr Produzenten der Region, sich ebenfalls dem Besonderen, den ungewöhnlichen und vergessenen Facetten des Genusses zu widmen. So erregt beispielsweise das am anderen Seeufer gelegene
Weingut Triebaumer in Rust neben seinem Wein auch mit scharfen Marmeladen und Produkten vom Mangalitzaschwein immer mehr Aufsehen. In Klingenbach wird erstmals seit hundert Jahren wieder Safran in Österreich angebaut. Und in Mönchhof veredelt
Gerhard Braunschmidt Essige zu köstlichen Essenzen - mit Weingartenpfirsichen, Zwetschken oder als Sämling-Eiswein-Essig im Maulbeerfass.
So ist es eigentlich kein Wunder, dass der umtriebige Feinschmecker Erich Stekovics sogar schon in einer Fernsehserie verewigt wurde. Er ist das Vorbild für den Blasius Schmalzl in "Der Winzerkönig": im Fernsehen ein liebenswerter, älterer Philosoph mit einem Spleen für die Tomatenzucht. Stimmt alles. Nur alt ist er noch nicht, der Herr Stekovics.
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