Im Süden Wiens, vom Wienerwald bis zu Rax und Schneeberg, erstreckt sich eine botanische Rarität: der größte und nördlichste Schwarzföhrenwald Europas. Er birgt mehr als ein Geheimnis – und Bäume, die Gesichter schneiden.
Pechharz, Copyright: Ernst Schagl
Pinus nigra austriaca, eine spezielle Art der
Schwarzföhre, ist robuster und genügsamer als ihre südlichen Verwandten.
Bis zu 800 Jahre alt, bedeckt sie als lichter, hoher Wald die Hänge der Kalkalpen oder krönt, klein und wetterzerzaust, Felsvorsprünge und Bergkämme.
Im Sommer verströmt sie in den Wäldern einen
herrlichen Duft, harzig und frisch. Die Föhre, besonders reich an Harz, „schwitzt“: Kleine klare Tropfen perlen über ihren Stamm; die ätherischen Öle verdampfen und würzen die Luft. Schon unter den Römern, die es als Klebemittel und zum Rasieren verwendeten, sammelten die Kelten hier
Harz – das ist 2.000 Jahre her.
1.800 Jahre später – Kaiserin Maria Theresia hatte zuvor den Bestand an Schwarzföhren, als Windfang und Harzbaum, von den Bergen in die Ebene des Wiener Beckens erweitern lassen – galt das
Pech, wie die Österreicher dazu sagen, als das
Gold der Region. Wasserunlöslich und haftend war es Grundstoff vielfältiger Produkte: Farben, Lacke, Schmieröle, Schuhcremes und Papier wurden damit ebenso gemischt wie Hautcremes und Arzneien; sogar im Kaugummi war es enthalten. Vor 50 Jahren kam dann das Aus für diesen Kraftstoff der Natur – Harz wurde durch Erdölprodukte ersetzt.
Nur in den Wäldern zwischen Baden und Neunkirchen, kaum eine Autostunde von Wien entfernt, wird heute noch von Mai bis November Pech gesammelt. Acht sogenannte
Pecher ernten hier – aus Handwerksstolz, Arbeitsliebe und eines dem Großvater gegebenen Versprechens wegen, mit dem Pechen weiterzumachen – das Harz der Schwarzföhre; und sie haben einen Abnehmer dafür: ein Harzwerk in der Region.
Nach überlieferten Methoden tragen sie etwas Rinde ab und hobeln vorsichtig über den Stamm. Das Harz, der Wundbalsam des Baumes, beginnt so zu fließen. Zwei Scharten aus Holz werden links und rechts wie Leitplanken gesetzt und führen den Harzfluss zum Pechhäferl, welches das Pech auffängt. Nimmt man die Scharten und das Häferl weg, werden die drei Schnitte im Holz sichtbar: Die der Scharten sehen wie zwei Augen aus, der dritte Schnitt wie ein Mund. Viele Bäume schauen einem so ins Gesicht, als Zeugen der großen Zeit des Pechs.
Im
Pecherhof Hernstein wird das Harz getrennt in Terpentin und Kolophonium. Vor Ort werden
Naturkosmetik, Heilmittel, Duftöle und Weihrauch daraus. In Wien, vom Traditionsbetrieb
Petz Kolophonium seit 1912 nach geheimer Rezeptur zum
Geigenharz veredelt, wird es – vor allem in Japan, China und England – international vertrieben. Mehrmals über die Haare des Geigenbogens gestrichen, verleiht es der Geige erst ihren berührenden Klang.
Auf dem
Pecherpfad Hölles nördlich von Wiener Neustadt wird die Harzgewinnung von Schwarzföhrenbäumen von einem der letzten Pecher Österreichs gezeigt. Auf Wunsch besteht für vorangemeldete Gruppen auch die Möglichkeit, einen Pechersterz zu verkosten.
LINKTIPPS:
Waldbauernmuseum Gutenstein Hier gewinnt man einen Eindruck von der Nutzung und Bedeutung von Holz in dieser waldreichen Region.
Alpin- und Heimatmuseum Hohe Wand mit Pecher-Schauraum
Vom Skywalk aus, einer frei in die Luft ragenden Aussichtsterrasse, verschafft man sich einen Überblick über den Lebensraum der Schwarzföhre.
Pecherhof HernsteinVerarbeitung von Pech zu Naturkosmetik, Duftölen, Weihrauch und Heilmitteln
Petz KolophoniumTraditionsbetrieb zur Herstellung von Geigenharz
Pecherpfad HöllesInfos und Anmeldung: Ernst Schagl, Tel. 0664/3230237, E-Mail:
ernst.schagl@gmx.at und Gerhold Wöhrer, Tel. 0664/3338248, E-Mail:
g.woehrer@gmail.com