
Wahrscheinlich hatten schon Kelten und Germanen, die auf dem Gebiet des heutigen Österreich siedelten, Riten und Bräuche, deren Wurzeln bis heute in dieser oder jener Region noch fortleben. Nur vereinzelt ist jedenfalls gesichert, seit wann es welchen Brauch gibt. Oft haben sich Bräuche auch überlagert und gegenseitig durchdrungen. Auf jeden Fall aber haben viele bis heute überlebt und werden sorgfältig weitergepflegt.
Vor allem in ländlichen Gegenden finden sich bis heute viele lebendige Bräuche. Die meisten davon werden jährlich und zu bestimmten Zeitpunkten ausgeübt, wobei einige davon mit den kirchlichen Feiertagen zusammenhängen. Zusätzlich gibt es regional unterschiedliche Bräuche: Im flacheren Osten, wo man Wein anbaut, freut man sich rituell über eine erfolgreiche Weinernte, während in westlichen Gebirgstälern ein festlicher Almabtrieb der wichtigste Brauch des Jahres ist.
Eine Fülle an Bräuchen gibt es in der Zeit kurz vor der christlichen Fastenzeit: die so genannten Faschingsbräuche stammen möglicherweise von heidnischen Fruchtbarkeits- und Dämonenkulten ab. So lassen sich auch die teils Furcht erregenden, teils Schönheit symbolisierenden Verkleidungen erklären, die beispielsweise beim "Perchtenlaufen" in Tirol Verwendung finden.
Bekannt ist auch der Faschingsbrauch des "Blochziehens". Ein "Bloch" - ein Baum - wird gefällt, geschmückt und in Begleitung dämonischer Gestalten durch den Ort geschleift. Im Tiroler Ort Fiss ist das "Blochziehen" ein Schauspiel, bei dem sich als Bären, Hexen, Teufel, Jungfrauen, Bettler und Bauern verkleidete Mitwirkende um den "Bloch" streiten. Und als wäre das alles nicht schon genug, wird derweil das Publikum mit Schnee beworfen.
Am Gründonnerstag vor Ostern findet im Tiroler Brixental jährlich der "Antlassritt" statt. Er geht auf den Sieg örtlicher Bauern über berittene schwedische Soldaten im Dreißigjährigen Krieg zurück. Mit Prozessionsfahnen und einem Geistlichen in ihren Reihen reiten festlich gekleidete Männer bis zu jener Kapelle, an der die schwedischen Soldaten geschlagen wurden.
Zu den wichtigsten Bräuchen gehört das Aufstellen eines Maibaums. Dazu gehört die Beschaffung, das Entrinden, das Schmücken, Aufstellen und Bewachen, aber auch die sportlich-spielerische Entwendung des Maibaums einer Nachbargemeinde sowie das Freikaufen des entwendeten Maibaums durch großzügige Bierspenden. Während heute, begleitet von einer feierlichen Zeremonie, nur noch ein Maibaum im Dorfmittelpunkt aufgestellt wird, gab es in früheren Zeiten fast in jedem Garten einen Maibaum. Zur Zeit der österreichischen Kaiserin Maria Theresia hatte der Brauch solche Ausmaße erreicht, dass diese 1741 jegliches weitere Maibaum-Aufstellen rigoros verbot.
Ein weit verbreiteter Brauch ist das "Ranggeln" zu Pfingsten. Geranggelt wird in Tirol, in Salzburg, Kärnten und der Steiermark. "Ranggeln" kann als urtümliche Form des Ringkampfes verstanden werden. Es gewinnt der, der seinen Gegner zuerst auf die Schultern wirft; der Kampf findet barfuß statt, bekleidet sind die Ranggler mit einem schlichten Leinengewand. Abgesehen von diesem strengen Reglement, geht's beim "Ranggeln" aber lustig zu. Wahrscheinlich der Grund dafür, dass dieser Sport vielerorts in Vereinen organisiert ist und sich ungebrochener Beliebtheit erfreut.
In den letzten Jahren wurden in ganz Österreich die Sonnwendfeiern wieder populär, die in vorchristlicher Zeit wurzeln dürften. Mit dem Entzünden der Feuer sollte die Kraft der Sonne symbolisiert werden, mit dem Abbrennen des Feuerstoßes sollte sie beschworen werden. Wenn Verliebte das durch lodernde Feuer springen, soll ihnen das Glück bringen. Vielleicht stammt daher die Redewendung "Für sie/ihn würde ich durchs Feuer gehen."
Eindeutig dem bäuerlichen Leben zuzurechnen ist das "Ruabnfeldln". Am letzten Sonntag im Oktober braten die Kinder in Gößl am Grundsee auf offenen Feuer Kartoffeln in Fett. Die Erwachsenen stärken sich derweil an Schnapstee. Ursprünglich soll dieser Brauch mit dem gefürchteten Wettersturz im Herbst zusammenhängen: Um die Rübenernte möglichst ohne Unterbrechung durchführen zu können wurden deshalb die Kinder für diesen Zeitraum mit dem Kochen betraut.
Im Osten Österreichs zuhause ist das "Fasslrutschen". In Klosterneuburg bei Wien, am Jahrestag des Heiligen Leopold wird im prunkvollen Stift Klosterneuburg über das so genannte "Tausendeimerfass" gerutscht. Zu Ehren des Heiligen Leopold kann jeder, der möchte, hinaufklettern und auf der der anderen Seite hinunterrutschen. Der Wunsch, den man dabei hat, geht angeblich in Erfüllung. "Fasslgerutscht" wurde erstmals 1814.
Österreichs Bräuche haben viele Gesichter. Einmal sind sie bunt und theatralisch, einmal besinnlich, dann wieder verspielt und komisch. Eines ist jedoch allen Bräuchen gemeinsam: sie werden mit viel Liebe zum Detail gepflegt und an folgende Generationen weitergegeben.