
Jahrhundertelang wurde im Mühlviertel Flachs angebaut. Die daraus verarbeiteten Leinenstoffe und Webereiprodukte wurden ab dem 17. Jahrhundert in alle Welt exportiert. Der Niedergang der Weber-Industrie erfolgte erst im 20. Jahrhundert – zuerst durch den Bau des gigantischen Moldau-Staudamms auf der tschechischen Seite des Böhmerwaldes, der das Klima im Mühlviertel veränderte und dadurch den Flachs nicht mehr so gut gedeihen liess. Dann kam die billige Textilkonkurrenz aus Fernost, die vielen Webereien, die ganze Orte im Mühlviertel ernährten, den Garaus machte. Doch es gibt sie noch – die kleinen, feinen Familienbetriebe, die wunderschöne Unikate aus Leinen herstellen.
In Haslach, dem einstigen Zentrum der Leinenweberei, begegnet einem die glorreiche Vergangenheit auch heute noch auf Schritt und Tritt. Am eindrucksvollsten im Webereimuseum, das auf zwei Stockwerken die Verarbeitung des Flachses und die Technik des Webens veranschaulicht. Staunende Besucher erfahren hier, dass vom Flachsanbau bis zum fertigen Leinenstoff ein Jahr vergeht und dafür nicht weniger als 64 Verarbeitungsschritte notwendig sind: vom Trocknen, Riffeln, Brechen des Flachses über das Ausziehen der Fäden, dem Spinnen und schliesslich dem Weben, Bleichen und Pressen des edlen Stoffes. Wer „Kette“ und „Schuss“ bis zu diesem Zeitpunkt eher für martialische Ausdrücke gehalten hat, wird angesichts der alten Webmaschinen eines Besseren belehrt, bedeuten in der Webersprache doch „Kette“ die senkrecht gewobenen Fäden, während der „Schuss“ die waagrecht verlaufenden Fäden bezeichnet, die von der Webschützen-Spindel blitzschnell – wie ein Schuss eben – in den Stoff laufen.
Bei einem Besuch des Webereimuseums sollte man eine Führung mit Josef Eckerstorfer nicht versäumen. Ursprünglich Postler, lernte „der Sepp“ als Spätberufener das Weben und pflegt und wartet seither die historischen Webmaschinen, darunter einige mehr als 150 Jahre alte Jacquard-Webmaschinen, die als Erste mit Lochkartentechnik funktionierten. Seit er Kustor des Museums ist, webt Sepp Eckerstorfer auch selbst – und er lässt jeden interessierten Laien an den Webstuhl, um sich im Weben zu versuchen.
Auch wenn die hellblau leuchtenden Flachsfelder im Mühlviertel weitgehend verschwunden sind, in den bis heute bestehenden Webereien erlebt man nach wie vor die zeitlose Schönheit der Leinenproduktion. Etwa bei der Firma Leitner in Ulrichsberg, wo Haute Couture, Decken, Pölster und Tischwäsche in originärem Design hergestellt werden. Selbiges gilt für die Firma Vieböck in Helfenberg, wo auch die betriebsame Produktionshalle mit acht Webmaschinen besucht werden kann. „Unser Gebäude hat Charakter“, sagt Geschäftsführer Johann Kobler, der mit Stolz darauf verweist, dass seine Leinen-Manufaktur bereits seit 1832 besteht. Ganz heutig sind die feinen Leinenstoffe im Verkaufsraum – vom Bademantel bis zum farbenprächtigen Dirndl in modernem Design lassen sich die Kollektionen anfühlen, probieren und erstehen.
Und wer im Juli im Mühlviertel weilt, sollte keinesfalls den berühmten Webermarkt in Haslach versäumen, denn dann verwandeln tausende Besucher und Aussteller aus aller Welt die verwinkelten Gassen des beschaulichen Orts in ein kunterbuntes Potpourri aus feinen Stoffen.
www.weberstrasse.at

Die Genügsamkeit der Flachspflanze entspricht der Kargheit des Bodens – gewoben wird daraus Stoff für höchste Ansprüche: Die über 800jährige Geschichte der Leinenweberei in Oberösterreich wird in Haslach zeitgenössisch und kreativ weitergesponnen.
Textilkultur Haslach in Oberösterreich