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Aloisia Bischof, Hochzeitsbäckerin
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Der Brauch der "Hochzeitsbäckerei", macht aus dem Burgenland ein Paradies für Naschkatzen – und aus einer Hobby-Köchin die berühmteste Zuckerbäckerin des Landes.

Süßes von Aloisia Bischof © Ein Stück vom Paradies®
Südburgenland
Es ist ein stilles Land, das Südburgenland. Geprägt von Weinbergen, riesigen Wäldern und idyllischen Dörfern. Doch der ruhige Eindruck täuscht: Wer genauer hinsieht, entdeckt eine Region voller Eigenheiten und Charme - und einen Landstrich, in dem man grossartig zu feiern weiss.

Die vielen Feste und Bräuche des Burgenlands haben ihren Ursprung in dem ungewöhnlichen Völkergemisch des Landes. Am Schnittpunkt von Ungarn, der Slowakei, Slowenien und Österreich gelegen, ist das Burgenland (das bis 1921 zu Ungarn gehörte) ein Schmelztiegel unterschiedlicher Nationen und Traditionen - und ein eindrucksvolles Beispiel für das gelebte Miteinander von Kulturen. Was an den vielen zweisprachigen Ortstafeln genauso schnell zu erkennen ist, wie an einem besonders reichhaltigen Volksbrauchtum.

Traditionelle Hochzeitsbäckerei
Eine der schönsten Traditionen, die es sonst nirgendwo in Österreich gibt, ist die der Hochzeitsbäckerei. Noch bis vor wenigen Jahren trafen sich vor der Hochzeit die Frauen beider Familien im "Hochzeitshaus", dem Haus der Braut, und backten dort wochenlang unter Anleitung einer Hochzeitsbäckerin Unmengen von Keksen. Denn dem Brauch folgend, werden alle Hochzeitsgäste mit einem sogenannten "Bschoat-Pinkerl" beschenkt, einem Paket voller süsser Köstlichkeiten. Da zu einer burgenländischen Hochzeit üblicherweise sehr, sehr viele Gäste gehören, braucht man entsprechend grosse Mengen Kekse.

Der ungewöhnliche Name des Geschenks geht wahrscheinlich auf seine frühere Transportart zurück. Einst, als man nach der Hochzeit noch zu Fuss nach Hause wanderte, band man das Paket als "Pinkerl" über den Wanderstab und trug es auf der Schulter nach Hause. Wie früher gilt auch heute noch: Je aufwändiger und grösser das "Bschoat-Pinkerl", desto besser behält man die Hochzeit in Erinnerung.

Einzigartige Rezepte
Die Hochzeitsbäckerinnen, die früher von Hochzeit zu Hochzeit zogen, bewahrten deshalb ein einzigartiges Repertoire an Rezepten und organisierten die kollektive Bäckerei hochprofessionell. So gab es Frauen, die nur Teig rührten, andere, die tagelang nur Kekse ausstachen, und solche, die die Kekse zu kleinen, süssen Kunstwerken zusammenbauten. Denn Hochzeitsbäckerei muss nicht nur exzellent schmecken, sie muss auch optisch beeindrucken.

Aloisia's Mehlspeiskuchl in Badersdorf
Der hohe Aufwand forderte seinen Preis: Der Brauch der Hochzeitsbäckerei drohte in den letzten Jahren auszusterben. Bis Aloisia Bischof kam. Die 1948 geborene Burgenländerin zog schon im Volksschulalter mit ihrer Mutter und ihrer Tante, beide berühmte Hochzeitsbäckerinnen, durch das Land und half bei der Herstellung der Kekse. Der verführerische Duft des Gebäcks hat sie ein Leben lang nicht losgelassen.

"Es gibt Traditionen, die darf man nicht sterben lassen", sagt die resolute Südburgenländerin. Mit knapp 50 Jahren beschloss sie daher, aus ihrer Liebe zu den Mehlspeisen einen Beruf zu machen, legte die Prüfung zur Konditormeisterin ab und eröffnete in ihrem Heimatort Badersdorf "Aloisia's Mehlspeiskuchl", in der ausschliesslich die traditionellen Süssigkeiten hergestellt werden. Eine gute Entscheidung: Nach nur zehn Jahren ist aus der Hobby-Köchin die berühmteste Hochzeits- und Zuckerbäckerin des Landes geworden.

Heute ist Aloisia Bischof Herrin über 15 backende Frauen, die täglich die beeindruckende Menge von 200 Kilogramm Keksen herstellen. In den Hochzeitsmonaten Mai bis September sind es noch mehr. Verkauft werden die Köstlichkeiten nur im eigenen Geschäft - weshalb das winzige Badersdorf zu einem Anziehungspunkt für Genussmenschen, Naschkatzen und Brautleuten geworden ist. "Aloisia's Mehlspeiskuchl", an der Hauptstrasse des Ortes gelegen, ist einfach zu finden. Man muss nur Ausschau halten nach dem Haus, vor dem die meisten Autos parken. Und man sollte etwas Geduld mitbringen: Das Geschäft ist zwar wegen der enormen Nachfrage sieben Tage die Woche von acht bis 20 Uhr geöffnet, aber nicht selten reicht die Schlange der wartenden Keks-Liebhaber bis zur Eingangstür.

Ungewöhnliche Zutaten
Über 60 verschiedene Sorten von Keksen werden von den kundigen "süssen Damen" hergestellt. Die meisten Rezepte sind überliefert und entstammen der alten Backtradition, viele der Mehlspeisen sind sehr aufwändig in der Herstellung. Erstaunlicherweise beinhalten die Kekse auch viele ungewöhnliche und teure Zutaten und das, obwohl das Südburgenland jahrhundertelang als äusserst arme Gegend galt. Aloisia Bischof kann das erklären: "Viele Frauen mussten früher, um die Familien zu ernähren, in den reichen Adelshaushalten Ungarns oder in Wien arbeiten. Von den reichen Damen haben sie dann die ungewöhnlichen Rezepte abgeschaut."

Und so werden im kleinen Badersdorf heute noch Köstlichkeiten hergestellt, die in den "reichen Adelshäusern" längst vergessen sind. Entsprechend quirlig geht es in der Backstube der Keks-Königin zu. Da werden riesige Bleche mit Biskuitteig in den Ofen geschoben, imposante Rührmaschinen produzieren Berge cremiger Füllungen, die anschliessend zwischen den Kekshälften verschwinden. Schokostreusel-Regen gehen auf Legionen zierlicher Kekse nieder und winzige Schaumrollen werden gekonnt mit süsser Masse gefüllt.

Und was sind jetzt die beliebtesten Kekse? "Wahrscheinlich die Husarenkrapferl", meint Aloisia Bischof, "oder die Vanillekipferl. Und natürlich die Nussstangen. Und die Orangenkrapferl." Wer sich angesichts der grossen Auswahl in der "Mehlspeiskuchl" nicht entscheiden kann, dem packt Aloisia Bischof einfach eine "Blindverkostung" ein. Denn wer einmal hier war, der kommt sowieso immer wieder - ins Reich der süssen Verführung.

Badersdorf im Südburgenland

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