So viele Sterne! Ein einziges Funkeln am schwarz samtenen Himmel, während der Betrachter staunend auf dem Balkon sitzt, den man hier "Solder" nennt. Die zweite Sensation, die sich sofort offenbart, ist der Duft der Wiesen und die Abwesenheit von Lärm.
Das Osttiroler VillgratentalNur das meditative Rauschen des Baches begleitet den Blick über den Himmel. Einfache Freuden sollte man meinen, doch diese Kombination aus Sternenhimmel, guter Luft und Stille, erlebt der durchschnittliche Stadtbewohner viel zu selten. Nur so abgelegene Täler, wie das Osttiroler Villgratental können - quasi nebenbei - noch mit einem derartigen Anti-Spektakel aufwarten. Was für sternentwöhnte Städter ein fast kindliches Erlebnis ist, war für die Bewohner des Tales lange Zeit hartes tägliches Brot.
Von Abgeschiedenheit und genialen ErfindungenDie Abgeschiedenheit bedeutete im Wesentlichen: Armut. Der Platz in den fruchtbaren Ebenen des Landes war vergeben, aber hier oben auf 1400 Meter Seehöhe gab es noch Boden und die Möglichkeit als freier Bauer sein Dasein zu fristen. Das raue Klima formte Menschen, die viel arbeiteten, alles wiederverwerteten, so gut wie keinen Müll produzierten, aber auch geniale Erfindungen, wie die frei hängende Materialseilbahn hervorbrachten. Der Ablauf des Jahres, seine Höhepunkte, Feste und Feiern wurden bestimmt vom Wetter und dem Kalender der Kirche.
Dann kam die Bergbauernförderung, der subventionierte Strassenbau und das Ende der Armut. Für ein Achthundert-Seelen-Dorf, das über Jahrhunderte autark gewirtschaftet hatte, in dem jeder seine Butter im eigenen Haus herstellte und die Einwohner des Tales den widrigsten klimatischen Bedingungen mit Stolz und Eifer entgegengetreten waren, brachen bequemere Zeiten an. Der Segen hatte aber auch eine Kehrseite. Plötzlich geschah, was Jahre zuvor undenkbar gewesen wären: Geräte wurden nicht erneuert, Seilbahnen verfielen, Baumaterialien wurden nicht recycelt und im Kühlregal des Kaufladens stand Milch, abgepackt in Kartons, gemolken von Kühen die vielleicht Hunderte Kilometer entfernt lebten.
Der Schatz der VillgraterAls man überlegte, es den reichen Skiorten im Norden nachzumachen, kamen die Villgrater zu spät. Es fand sich kein Investor für den Traum vom grossen Skigebiet, dem Massengeschäft mit fröhlicher Abendunterhaltung bis weit nach Sonnenuntergang. Die Trauer war gross und es verging einige Zeit, bis die Villgrater bereit waren, den Schatz, der in ihrem Tal verborgen lag, zu heben.
Den Anfang machten wieder ein paar "geniale" Villgrater. Sie gründeten einen Heimatpflegeverein und renovierten in mühevoller Kleinarbeit Geräte, eine Mühle und ein ganzes Sägewerk, das nur von der Kraft des vorbei fliessenden Baches angetrieben wird. Neue Monumente autarken Wirtschaftens im Einklang mit der Natur entstanden und weil sie so einzigartig sind, wurden sie europaweit gewürdigt.
Moderne ArchitekturVor wenigen Jahren hat sogar die moderne Architektur Einzug gehalten. Modern, eben weil sie auf die Umwelt und die Bautradition der Gegend Rücksicht nimmt. Der wildromantische Platz des auf 1600 Meter gelegenen Ausflugsgasthauses Kalkstein ist ein Musterbeispiel dafür. Ja, und sogar ein Haubenlokal gibt es. Untergebracht in einem typischen Bauernhaus, lässt es Feinschmeckerträume wahr werden.
Kraft tanken in InnervillgratenMittlerweile haben die meisten Villgrater begriffen, wo der wahre Luxus, der Schatz des Tales liegt. Wer hier zwei Wochen verbringt massiert die Seele. Weil es still ist, weil der Duft der Wiesen, des Heus, der Blumen über dem Tal liegt, weil es hier noch scheinbar einfache Kleinigkeiten gibt, die andernorts schon längst verschwunden sind. Nach zwei Wochen Villgraten ist auch der gestressteste Städter wieder in der Lage zufrieden auf dem Balkon, pardon, dem Solder zu sitzen und gleichmütig den Blick über das Tal wandern zu lassen. Man kann wieder unterscheiden zwischen wichtig und eigentlich unwichtig, Kraft tanken für den Sinn des Lebens und eben auch die Sterne betrachten, die vielen, vielen Sterne.
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