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Gustav Mahler und seine Zeitgenossen

Die Jahrhundertwende in Wien gehört zu den spannendsten Epochen. Hier tummelten sich die Genies und hinterließen ihre Spuren - bis heute.

Beethovenfries, Wiener Secession © Österreich Werbung/Trumler

Gustav Mahler erlebte im Sommer 1910 die schwerste private Krise seines Lebens. Eben hatte er entdeckt, dass seine Frau Alma eine Liebesbeziehung zu dem jungen Architekten Walter Gropius unterhielt. Sigmund Freud befand sich gerade in der südholländischen Stadt Leiden auf Urlaub. Mahler wollte sich an den inzwischen weltbekannten Vater der Psychoanalyse wenden, scheute keine Mühe und begab sich nach Leiden. Dort legte er sich freilich nicht auf die sprichwörtliche psychoanalytische Couch, sondern unternahm einen mehrstündigen Spaziergang mit dem Psychiater.

Mahler und Freud trafen zwar in Holland zusammen, wohnten aber in Wien – wie so viele wichtige Persönlichkeiten dieser Zeit. Das Erbe der Wiener Jahrhundertwende beeinflusst die Kunst bis heute: Mahler und Schönberg revolutionierten die Musik, Hugo von Hofmannsthal, Hermann Bahr, Peter Altenberg, Arthur Schnitzler und Karl Kraus führten die Literatur ins zwanzigste Jahrhundert. Die Architekten Otto Wagner, Josef Hoffmann und Adolf Loos prägen das Erscheinungsbild von Wien bis heute. Die Maler Richard Gerstl, Oskar Kokoschka und Egon Schiele sowie Gustav Klimt und sein Kreis um die
Secession(mit dem darauf prangenden Motto „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“) bilden das Herz von einmaligen Sammlungen Wiener Museen. Das Belvedereetwa besitzt die weltweit größte Sammlung von Gemälden Gustav Klimts.

Das Jahr 1900 bildet eine Art Meilenstein jener Epoche: Sigmund Freud veröffentlichte in Wien sein bahnbrechendes Werk „Die Traumdeutung“. Die Novelle „Leutnant Gustl“ von Arthur Schnitzler erschien in der Neuen Freien Presse. Die Oper „Es war einmal ...“ von Alexander Zemlinsky wurde an der Hofoper unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt. Direktor der Hofoper, heute Wiener Staatsoper, war zu jener Zeit Gustav Mahler und Alexander Zemlinsky war nur einer der zahlreichen Verehrer von Mahlers Frau Alma.

Ob Sigmund Freud dem verzweifelten Gustav Mahler helfen konnte, ist nicht klar überliefert. Freud berichtete ein Vierteljahrhundert später: „Wir haben in höchst interessanten Streifzügen durch sein Leben seine Liebesbedingungen, insbesondere seinen Marienkomplex (Mutterbindung) aufgedeckt; ich hatte Anlass, die geniale Verständnisfähigkeit des Mannes zu bewundern.“ Ein knappes Jahr nach der Begegnung mit Freud starb Mahler – ausgerechnet an Gropius’ Geburtstag – an Herzschwäche. Freuds Honorarnote in der Höhe von 300 Kronen hat er nie beglichen.