
Hape Kerkeling tat es, Shirley MacLaine tat es, und jedes Jahr werden es mehr: Pilgern ist wieder „in". Was bewegt Menschen dazu, mehrere Tage zu Fuss unterwegs zu sein? "Das ist ganz einfach", sagt eine Niederösterreicherin, "ich habe beschlossen, nach Mariazell zu gehen, wenn mein Sohn die Schule erfolgreich abschliesst." Fast resignierend fügt sie hinzu: "Er hat's geschafft." Und dennoch ist da ein Leuchten in ihren Augen, ein inneres Strahlen, das die Version von der Wallfahrt als Bussgang ein wenig unglaubwürdig macht. "Als ich dann nach all den Strapazen mein Ziel erreicht hatte, war das schon ein besonderes Gefühl." Vielleicht ist es dieses Glücksgefühl, das immer mehr Menschen dazu bewegt, tagelang mit minimaler Ausrüstung und ohne jeglichen Luxus über die Berge zu marschieren.
Via Sacra
Fuss-Wallfahrer gab es zwar immer, aber es werden auch in Mariazell jedes Jahr mehr. Sie kommen aus dem Süden über Graz, aus dem Westen über Steyr, aus der Wiener Gegend über die berühmte "Via sacra". Zehntausende waren es in den letzten Jahren - im Vergleich zu verzeichneten zehn Wallfahrern im Jahr 1955.
Traditionelle Pilgerwege
Auch der österreichische Jakobsweg, wieder entdeckt und ausführlich beschrieben vom Tiroler "Pilger-Pionier" Peter Lindenthal, erfreut sich neuer Beliebtheit. Wobei man eigentlich von den Jakobswegen schreiben sollte, denn viele Wege führten einst von den grossen Städten der Monarchie - von Graz, Marburg, Budapest oder Wien - in die heilige Stadt im nordspanischen Finisterre, dem "Ende der Welt". Auch andere traditionelle Pilgerwege, etwa der Hemmaweg in Kärnten, werden heute wieder eifrig begangen.
Das einfache Leben bietet eine willkommene romantische Abwechslung: Auf den Hütten oder in den Pilgerherbergen gibt es oft nur kaltes Wasser, und auch für Schminkzeug und ähnlichen Luxus ist im Rücksack natürlich kein Platz. Doch wenn man nach einem langen Marsch in der Nacht den Regen auf das Dach der Hütte prasseln hört, lernt man auch ein spartanisches Lager zu schätzen. Denn wahrer Luxus hat nichts mit Geld zu tun.
Pilgern in Österreich
Im Gegensatz zu den gelegentlich trockenen Weiten des spanischen Jakobswegs bietet das Pilgern in Österreich den Vorteil, dass die Wege an Gebirgsbächen entlangführen, in denen Forellen herumhuschen, an bimmelnden Kühen und verwitterten Lärchen vorbei oder über saftige Almwiesen. Am Weg nach Mariazell hat man zwar Gebiete zu durchqueren, die "Vordere Höll", "Hintere Höll" und "Elendgraben" heissen. Aber niemand hätte wohl etwas dagegen, elend in der "Höll" zu schmoren, wenn sie so ist, wie dieses Land mit seinen schroffen Felsen, mit seinen endlosen Wäldern und lieblichen Wegen. Und erst die Tiere: Ein junger Fuchs spielt auf einer Lichtung, Gämsen beäugen einen neugierig und Hirsche trotten missmutig über die Störung davon.
Woran denken Pilger eigentlich? Fragt man sie, antworten sie meist: "Ach - an nichts". Das kommt ungefähr hin. Man hört auf, an die Vergangenheit oder an die Zukunft zu denken. Der Weg ist ein Weg in die Gegenwärtigkeit. Man will nur noch da und gleichzeitig unterwegs sein. Gehen ist jene Fortbewegungsart, deren Geschwindigkeit der Wahrnehmung am besten entspricht. Regen und Sonne, Tag und Nacht, Stadt und Land, Wald und Feld, Wind und Nebel, alles kommt und vergeht wieder. Insofern fördert das Gehen den Wirklichkeitssinn. Man misst die Welt aus, Schritt für Schritt, der Atem passt sich der Bewegung an, Rhythmus entsteht. Und wenn man geht, dann immer auch in sich.
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