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    • Familien-Spaziergang
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    Welche Bedeutung hat Bewegung in Zeiten von Corona?

    Vom täglichen Spaziergang zum Bier via Zoom: Hat uns das vergangene Jahr in die Natur zurückgeführt oder weiter in eine virtuelle Welt getrieben? Eine Kolumne von Anna Cummins.

    An der höchsten Stelle unseres Spazierganges steht eine Hütte. Man steigt die unebenen Treppen des Felsengartens hinauf und folgt dem Pfad bis zu einer Lichtung zwischen den Bäumen. Die Hütte bleibt in Zeiten von Corona geschlossen, aber wir haben eine durchsichtige Stelle in der Buntglastür entdeckt. Meine Tochter nimmt die obere Stufe, ich die untere, und gemeinsam blicken wir in den winzigen Raum mit kleinem Tisch und Stühlen, Holzofen und Hochbett, das die umliegenden Hügel überschaut.

    In den letzten zwölf Monaten hat es uns unzählige Male dort hingezogen. Im Sommer erinnerte mich das bunt leuchtende Glas an sonnenüberflutete Terrassen, saftige Wiesen und erfrischende Seen. Im Winter konnte ich das knisternde Feuer fast hören, das frisch gebackene Brot riechen und den warmen Glühwein schmecken. Und, egal zu welcher Jahreszeit, wandte ich mich immer auf dem Rückweg zu meiner Tochter und sagte: „Wenn das alles vorbei ist, machen wir eine Hüttenwanderung in Österreich.“

    Reisen damals, heute – und morgen

    Ich bin kein geborener Outdoor-Typ. Ich erinnere mich an eine Österreichreise, bei der wir früher als erwartet am Ausgangspunkt unserer Wanderung ankamen. Wir hatten nur wenige Minuten Zeit, unser wichtigstes Hab und Gut für die Nacht zusammenzupacken und den Minibus zu verlassen. Noch heute frage ich mich, warum ich mich dazu entschloss, den Berg mit Kosmetiktasche in der Hand zu besteigen. Zu dem Zeitpunkt war es mir wohl ausgesprochen wichtig, am nächsten Morgen frisch duftend zum Frühstück aufzutauchen.

    Die Essentials beim Familienspaziergang sehen derzeit etwas anders aus: Mund-Nasen-Schutz, Desinfektionsmittel und Smartphone. Zum Glück hatten wir im vergangenen Jahr die digitalen Tools, um unsere Erlebnisse mit anderen, auch außerhalb unseres Haushalts, zu teilen. Aber sobald wir wieder reisen dürfen, gibt es für mich keine Facetimes vom Gipfel, Sundowner-Posts und Urlaubs-Zooms mehr – sondern nur noch reale Gespräche ohne Filter, ohne unterbrochene Verbindungen und Stummschalttasten.

    Sobald wir wieder reisen dürfen, gibt es für mich keine Facetimes vom Gipfel und Urlaubs-Zooms mehr – sondern nur noch reale Gespräche ohne Filter, ohne unterbrochene Verbindungen und Stummschalttasten.

    Anna Cummins
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    Anna Cummins

    Wie geht es eigentlich den Kindern?

    Als Eltern einer Fünfjährigen haben wir während des Lockdowns noch mehr Zeit im Park verbracht als sonst. Die Geschwindigkeit, mit der an der Schaukel eine neue Freundschaft entsteht, und die Freude, bekannte Gesichter zu sehen, haben uns immer wieder vorangetrieben und einen Grund gegeben, das Haus zu verlassen.

    Aber welche Auswirkungen hat die Pandemie für andere Altersgruppen? Werden Teenager zum Beispiel ihre Online-Welt wieder gegen die reale Welt tauschen wollen? Werden sie wieder auf dem Fußballplatz stehen, die Tanzfläche in einem Club betreten und ein Auslandsjahr planen? Oder haben sie bereits weltweit Kontakte, mit denen sie sich digital austauschen, und finden es einfacher, Gefühle mit Emojis auszudrücken?

    Kinder mit Hund
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    So viel Zeit, so viele Pläne

    Die vergangenen Monate haben uns, über alle Generationen hinweg, viel über Zeit gelehrt. Vor einem Jahr habe ich meine Pläne fürs Wochenende noch im Terminkalender eintragen müssen – heutzutage vermeiden wir die Frage, was am Wochenende ansteht.

    Und doch, am Montagmorgen hätte ich viel zu berichten. Sei es über den Pfad, den wir neu entdeckt haben und der zu einem Labyrinth aus Sträuchern führt. Oder über den Mann, an dem ich jeden Morgen vorbeijogge, der täglich mit seinem Gehstock denselben Weg durch die dunklen Straßen zieht, und den ich mittlerweile grüße. All das versetzt mich in die Berge Österreichs zurück, wo die Zeit stillzustehen schien.

    Anna Cummins
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    Anna Cummins

    Anna Cummins ist in England geboren und in Deutschland aufgewachsen. Sie arbeitete acht Jahre lang für die Österreich Werbung in London und konnte während dieser Zeit zahllose Österreich-Eindrücke sammeln und die große Vielfalt des Landes erleben. Seit 2018 betreut Anna als freiberufliche Übersetzerin unter anderem diverse österreichische Kundinnen und Kunden.

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