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    • Bregenzerwald bei Müselbach / Müselbach
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    Aus Forschersicht: Wie wirkt die Natur auf Körper und Seele?

    Ist es nur ein individuelles Gefühl, dass wir im Wald befreit aufatmen, uns an türkisgrünen Seen so entspannt fühlen und auf einer Almwiese glücklich sind? Oder liegt das Bedürfnis nach Natur von Natur aus im Menschen?

    Wald, Wasser und unsere Gesundheit

    Warum wir uns grün und blau freuen in der Natur

    Johanna Freidl PhD ist Medizinische Forscherin am Institut für Ökomedizin in der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg. In ihrer wissenschaftlichen Arbeit geht es unter anderem um die Auswirkungen von Green und Blue Space – also Lebensräume im Wald und am Wasser. Und um die physiologischen und mentalen Auswirkungen von Natur und künstlichen Umwelten auf den Menschen.

    In diesem Interview gibt Johanna Freidl Antworten auf die Fragen, die uns bewegen: Warum brauchen wir den Wald für ein gestärktes Immunsystem? Warum erholt uns die Natur so verlässlich? Und was kann Green Exercise besser als das Laufband im Fitnessstudio?

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    Johanna Freidl
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    In der freien Natur treffen wir „old friends“: Mikroorganismen, mit denen wir schon seit Jahrtausenden in einer Symbiose leben und die wichtig für unser Immunsystem sind.
    austria.info: Laut Studie* ist der Aufenthalt in der Natur – nach „Lesen“ – die wichtigste Aktivität für Menschen, um zu Erholung vom Alltag zu kommen. Handelt es sich dabei um eine Art evolutionstechnischen Instinkt, mit dem sich Menschen selbst vor Überlastung schützen?
    Johanna: Der Schutzfaktor der Natur, den Sie ansprechen, entfaltet sich insbesondere dann, wenn wir den Aufenthalt in der Natur mit Bewegung kombinieren – also sogenanntes „Green Exercise“ betreiben. Dieses wirkt sich nachweislich positiv auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden aus – mit viel stärkeren Effekten als beispielsweise ein Training im Indoor-Fitnesscenter. So konnten wir etwa zeigen, dass Green Exercise im Vergleich zu Indoor-Sport Stresshormone und Blutdruck stärker senkt. Außerdem wird die Bewegung selbst als lustvoller eingeschätzt und das subjektive Wohlbefinden gesteigert. In der freien Natur treffen wir aber auch noch „old friends“ – das sind Mikroorganismen wie Bakterien, Pilze und Viren, mit denen wir schon seit Jahrtausenden in einer Symbiose leben. Kontakt zu diesen Mikroorganismen ist vor allem für unser Immunsystem wichtig.
    austria.info: Wie kann uns die Natur mit ihren sinnlichen Einflüssen gegen diesen Druck helfen?
    Johanna: Der intakte Naturraum fordert im Gegensatz zu unserem reizüberfluteten Alltag keine ständig gerichtete Aufmerksamkeit. Daher können wir uns in der freien Natur sehr gut von mentaler Erschöpfung erholen und uns sogar besser konzentrieren. Dieser erholsame Effekt der Natur ist in der Wissenschaft bekannt als Attention Restoration Theory.
    austria.info: In der Natur fühlen wir Lebendigkeit, Sinnlichkeit, die Leichtigkeit des Seins und nicht zuletzt unser eigenes Ich. Warum verwandelt die Natur unsere Sinne?
    Johanna: Die Reizüberflutung fällt weg in der Natur, wir können zur Ruhe kommen und uns auf uns selbst konzentrieren. Gleichzeitig können wir uns so besser als Teil der Natur begreifen. Das erklärt vielleicht, warum sich Menschen mit einer höheren Naturverbundenheit auch umweltbewusster verhalten. Außerdem motiviert uns der Aufenthalt im Freien auch zu mehr Bewegung – dadurch spüren wir uns selbst und unsere Grenzen wieder intensiver.
    austria.info: Welches der Naturelemente Wasser, Erde, Holz und Luft hat am meisten Einfluss auf Körper und Seele?
    Johanna: Das ist eine sehr komplexe Frage, bei der man vielleicht ein wenig die Perspektive wechseln muss: Die Natur wirkt in ihrer Gesamtheit. Nicht immer kann man die einzelnen Elemente klar voneinander trennen – alles steht sozusagen miteinander in einer Wechselwirkung. Nimmt man beispielsweise die heilsame Wirkung der Krimmler Wasserfälle in der Ferienregion Nationalpark Hohe Tauern bei Allergien und Asthma, so ist die Wirksamkeit eine Kombination aus Luft und Wasser. Alles, was uns umgibt – das sogenannte Exposom – wirkt auch auf uns. Hier führen wir beispielsweise gerade eine Studie im SalzburgerLand durch, bei der wir untersuchen, wie das spezifische Mikroklima von Almen auf unsere Gesundheit wirkt.
    austria.info: Ein imposanter Wasserfall, ein Buchenwald, sonnige Almwiesen – welche „Resonanzräume“ eignen sich besonders für Erholung und Entspannung?
    Johanna: Hier kommt es ganz auf die persönlichen Vorlieben an. Wir Menschen fühlen uns vor allem an Orten mit viel Grün und Blau, also an Orten mit Pflanzen und Gewässern, besonders wohl. Für viele ist der Lärmpegel ein wichtiger Faktor. In einer ruhigen Umgebung mit einer natürlichen Geräuschkulisse, wie z. B. das Rauschen eines Baches, entspannen wir uns viel leichter. Studien deuten außerdem darauf hin, dass eine höhere Biodiversität – also eine intakte und artenreiche Natur – einen stärkeren positiven Einfluss auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden hat als etwa menschlich überformte Naturräume. Das unterstreicht auch die Wichtigkeit von Naturschutzgebieten wie Nationalparks. Diese Hypothesen wollen wir in den folgenden Jahren verstärkt untersuchen. Es müssen aber nicht immer abgelegene Urwälder oder einsame Berggipfel sein. Im stressigen Berufsalltag sorgt auch ein Spaziergang im nahegelegenen Park oder Wald für Entspannung und Erholung.
    austria.info: Waldbaden ist der Trend der Stunde. Gibt es aus Ihrer Sicht ein „Rezept“, um sich die Natur als Lebenselixier gegen mentale Überlastung zunutze zu machen?
    Johanna: Dieses Rezept muss jeder Mensch für sich selbst finden. Geht man auf die Suche nach den Ursachen für viele Zivilisationserkrankungen, wird man schnell bei unserem Lebensstil fündig. Wir sitzen zu viel, bewegen uns zu wenig, stehen permanent unter Stress und leben in Ballungsräumen. Unsere alpine Naturlandschaft mit ihren jeweils ganz spezifischen Wirkungsfaktoren bietet uns eine Vielzahl an Möglichkeiten, um unsere psychische und physische Gesundheit gezielt zu verbessern. Egal ob Waldbaden, Bergwandern oder Durchatmen an einem Wasserfall – die Basis für das individuelle Rezept lautet immer: Je öfter, desto besser.

    *2016 / Durham University / Thema „Erholung“ / 18.000 Befragte in 134 Ländern

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